Westfleisch – Erweiterung

Sitzung des Rates am 30.11.2017 – Gemeinsamer Antrag der Fraktionen von O-E 2020, Bündnis 90 / Die Grünen, UWG und Die Linke

Helmut Lenk, Fraktionsvorsitzender der UWG

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Wewers,

neben vielen besorgten Bürgern wenden sich auch die Fraktionen von Bündnis 90 / Die Grünen, der UWG Oer-Erkenschwick, von O-E 2020 und der Linken im Rat der Stadt Oer-Erkenschwick gegen den Antrag der Firma Westfleisch auf Produktionserweiterung.

Daher bitten wir Sie, den folgenden Antrag für die kommende Ratssitzung am 30.11.2017 auf die Tagesordnung zu nehmen:



Beschlussentwurf:

1.    Die Verwaltung wird vom Rat der Stadt beauftragt, hinsichtlich der geplanten „Westfleisch - Erweiterung“ folgende Einwendung an den Kreis Recklinghausen zu übersenden:
„Die Stadt Oer-Erkenschwick als Träger öffentlicher Belange fordert den Kreis Recklinghausen auf, die Genehmigung zur Erweiterung bzw. Erhöhung der Schlachtmenge nicht zu erteilen.

Begründung:
Durch die Umsetzung der beantragten Erhöhung der jährlichen Schlachtmenge kommt es in unserer Stadt zu erheblichen und nachhaltigen Auswirkungen in den Bereichen des Straßenverkehrs, aber auch im Bereich der sozialen Infrastrukturen. Ein erheblicher Zuzug von Arbeitskräften aus dem osteuropäischen Raum samt der angehörigen Familienmitglieder bedeutet für unsere Stadt einen erheblichen Anstieg der Schülerzahlen mit lernzieldifferentem Erziehungsanspruch sowie der Belegungen der Kitas. Zudem käme es zu einer unverhältnismäßigen Anspannung auf dem Wohnungsmarkt. Die Belastungen beim Co2-Ausstoß und bei der Feinstaubbelastung würden durch die Verdoppelung des LKW-Verkehrs erheblich ansteigen, und die betroffenen Straßen würden über Gebühr belastet. Dies alles ruft für unsere Stadt erhebliche Veränderungen mit heute kaum bezifferbaren Ausmaßen hervor.“

 
2.    Die Verwaltung wird vom Rat der Stadt beauftragt, weitere Gespräche mit der Firma Westfleisch zu führen, um konkret abzuklären, in welcher Form die Firma Westfleisch dazu bereit ist, auch soziale Mitverantwortung für die Ausweitung ihrer Geschäftstätigkeiten in unserer Stadt zu übernehmen und in welcher Form sie ansonsten verbindlich bereit ist, einen Beitrag im sozialen Bereich zu leisten (zum Beispiel Einrichtung eines Werkskindergartens, Errichtung von Werkswohnungen, Hilfestellungen im schulischen Bereich, Unterstützung von Sport- und sonstigen Vereinen). Weiterhin ist zu klären, ob zukünftig mit einer erhöhten Zahlung von Gewerbesteuern in Oer-Erkenschwick zu rechnen ist. Wenn bei diesen Fragen kein zielführendes Einvernehmen zu erzielen ist, soll abgeklärt werden, inwieweit alternativ ein „Sozialfond“ eingerichtet werden kann, den die Firma Westfleisch monetär in noch zu beziffernder Höhe ausstattet, oder ob es aus Sicht des Unternehmens weitere Möglichkeiten gibt, im positiven Sinn auf die soziale Infrastruktur einzuwirken.



Begründung:


Die Schaffung und Konzentration auf immer größere Schlachtfabriken und deren Marktmacht befördern den Raubbau an Mensch und Natur, und es stellt sich die Frage, ob eine Erweiterung solchen Ausmaßes mit all ihren Konsequenzen generell einer 30.000-Einwohnerstadt gut tun kann.


Obwohl bei der beantragten Produktionserweiterung die Geschäftsführung der Westfleisch-Gruppe nicht von einer Verdoppelung des Schwerlastverkehrs ausgeht, wird die Verdoppelung der Transportmengen die übrigen Verkehrsteilnehmer spürbar belasten, die Qualität der Luft verschlechtern und schwerwiegendste Folgen für den baulichen Zustand der genutzten Verkehrswege nach sich ziehen. Dies kann nicht mithilfe eines statistischen Tricks, nämlich durch Reduzierung der Auswirkungen auf den Gesamtverkehr, abgetan werden.


Die Herstellung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur und die Minimierung der Luftbelastung sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die mit der Zahlung einer anteiligen Gewerbesteuer nicht hinreichend abgegolten ist. Hier bedarf es zusätzlicher Leistungen des profitierenden Unternehmens für die betroffenen Kommunen und der kontrollierten Verpflichtung der aus- und anliefernden Unternehmen, zusätzliche Investitionen zur Reduzierung von Co2 und Feinstaub in die jeweiligen Flotten zu realisieren.


Bei der von der Firma Westfleisch gewünschten Verdoppelung der Schlachtmengen sollen nach eigenen Angaben 600 neue Arbeitsplätze geschaffen und 900 Werkverträge sukzessive in feste Arbeitsverhältnisse umgewandelt werden. Die entsprechenden Arbeitnehmer samt ihren Familien sollen aus dem osteuropäischen Raum angeworben und dauerhaft hier angesiedelt werden. Dies entspräche also einer Zahl von ca. 3.000 Erwachsenen, zuzüglich der jeweiligen Kinder, die zukünftig hier ihren festen Wohnsitz haben sollen.


Es würde also ein Zuzug auch von Ehepartnern und deren Kindern in erheblichem Umfang zu erwarten sein. Die wohnräumliche, soziale und schulische Integration kann keinesfalls von einem Unternehmen dieser Größenordnung gänzlich auf die Kommune abgewälzt werden.


In den bisherigen Ankündigungen der Geschäftsführung von Westfleisch findet sich bislang nur der Hinweis, dass man bereits auf Schulen zugegangen sei, um individuell bezogene Hilfestellung zu geben. Dies beschränkt sich unserer Kenntnis nach auf die marginale Begleitung von muttersprachlichen Übersetzern/Übersetzerinnen an Infoabenden. Danach sind die Schulen wieder auf sich allein gestellt mit all den zusätzlichen pädagogischen Belastungen, organisatorischen Problemen und fehlenden Lehrkräften, Sozialarbeitern und Integrationshelfern bzw. Klassenassistenten. Das Unternehmen kommt seiner sozialen Verantwortung so nicht nach.


Bis heute liegen keine genauen Zahlen darüber vor, mit welchem Anstieg bei den KITA-Plätzen, sowie bei der Grundschulbelegung zu rechnen ist, was hier zu weiteren sozialen Problemen führen kann.


Es ist trotz möglicher höherer Schlüsselzuweisung des Landes überhaupt nicht geklärt, welcher Anstieg von Soziallasten z.B. im Bereich der Sprachkurse, Sozialhilfeleistungen nach dem SGB II, Aufstockungen beim Jobcenter, Kindergeld sowie bei den Kosten für Kitaplätze, etc. anfallen könnten.


Auch fehlt bislang eine Planung darüber, in welchem Umfang die Kapazitäten der vorhandenen Kitaplätze und Klassenräume an Schulen sowie bei der Einstellung zusätzlicher Lehrer, etc. vorliegen würden.


Es ist nicht verbindlich bekannt, ob die Firma Westfleisch befristete oder aber unbefristete Arbeitsverhältnisse schaffen möchte. Bei Nichtverlängerung von befristeten Arbeitsverhältnissen könnte es dazu kommen, dass Arbeitskräfte ggf. ihren Wohnsitz nicht zurückverlegen, sondern langfristig in unserem Stadtgebiet ihren Wohnsitz belassen. Neue Arbeitskräfte würden ggf. durch die Firma Westfleisch rekrutiert werden und so eine erneute „Verschärfung“ der Situation ergeben.


Ein weiterer Ausbau der Fleischverarbeitung in Oer-Erkenschwick zu einem der führenden Unternehmen in Europa fördert eine sozial und ökologisch unvertretbare Konzentration und Exportstrategie in der Agrarpolitik.


Voraussetzung für eine gelingende Integration sind aber unter anderem das Vorhandensein ausreichender Mittel und die Bereitschaft des profitierenden Unternehmens, seinen Beitrag für die entstehenden Kosten zu leisten.


Die Stadt Oer-Erkenschwick soll für den Fall der Genehmigung durch den Kreis dazu in absehbarer Zeit nach Behandlung in den politischen Gremien eine entsprechende finanzielle Forderung und – in Absprache mit den umliegenden Kommunen – einen Vorschlag zur Organisation und Bewirtschaftung eines Ausgleichsfonds an die Firma Westfleisch schicken.


Erinnert sei an dieser Stelle zur allgemeinen Orientierung und zum möglichen Ausmaß der Unternehmensverantwortung an den Beitrag der kohlefördernden Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Schaffung von Wohnraum für die Bergleute und ihrer Familien sowie Förderung des Sport- und Vereinslebens in den jeweiligen Kommunen.


Leider wird wegen der gesetzlichen Grundlagen für das Genehmigungsverfahren auf diese für eine Kleinstadt wie Oer-Erkenschwick erheblichen Auswirkungen bisher von Seiten der Verwaltung nicht eingegangen.



Mit freundlichen Grüßen
 

Heike Czaykowski
Fraktionsvorsitzende
O-E 2020 Fraktion

Armin Ziesmann
Fraktionsvorsitzender
Bündnis 90/Die Grünen

Helmut Lenk
Fraktionsvorsitzender
UWG

Josef Oeinck
Fraktionsvorsitzender
Die Linke



 




Der Rat beschließt:
 

1.    Der Rat der Stadt Oer-Erkenschwick hat bezüglich einer Produktausweitung am Standort Oer-Erkenschwick erhebliche Sorgen bezüglich der Auswirkung auf die technische und soziale Infrastruktur der Stadt sowie der Auswirkungen auf die Umwelt.

Daher wird der Bürgermeister aufgefordert, einen maßgeblichen Vertreter des Unternehmens in eine zeitnahe (Sonder-)sitzung des Rates einzuladen, um diesbezüglich in den Austausch zu kommen.
 
2.    Die Verwaltung wird in Abstimmung mit dem Rat nach den Maßgaben des geltenden Rechts als Träger öffentlicher Belange gegenüber der zuständigen Behörde Stellung nehmen.
 

Abstimmungsergebnis zu 1 und 2:
 

  Ja Nein Enthaltung
Bürgermeister      
SPD      
CDU      
Grüne      
O-E 2020      
Linke      
BOE      
UWG      
AfD      

 

einstimmig X


Der Antrag ist angenommen.